Studentengeschichte
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Der Flamänder von Praq am Schipkapaß
Abschied von Alt-Prager Studentenromantik

Kennzeichnend für das Studentenleben in Prag waren die nationalen Gegensätze. "Wir, die wir noch das Glück hatten, in Prag studieren zu dürfen, haben doch eigentlich jeden Tag irgendwie den Schatten Jan Hus1 erlebt" bemerkte Dr. Herzog (Albia Wien) in seinem Fest­vortrag beim 100. Stiftungsfest der Prager Burschenschaft Arminia zu Bochum im Jahre 1979. Dr. Wolfram v. Wolmar (Albia Prag) unter­streicht in seinem Buch "Prag und das Reich - 600 Jahre Kampf deutscher Studenten ", daß die Studentenromantik nicht kennzeichnend für Prag war, daß vielmehr in den studentischen Selbstverwaltungsver­bänden aufopfernd gearbeitet wurde.

Aber es gab sie doch, die Prager Studentenromantik! Der Schipkapaß, die "Flamänder von Prag", die der Prager Corpsstudent Karl Hans Strobl in seinen Romanen beschrieben hat. Vor und nach der Jahrhundertwende stand diese Studentenromantik in vollster Blüte. Zwischen den Kriegen war das Leben am Schipkapaß ein Abglanz der guten alten Tage bei Osman Pascha und Sulaika.
Ursprung und Anfänge - Die Entstehung des Schipkapasses

Wir schreiben das Jahr 1877. Auf dem Balkan tobte der russisch­ türkische Krieg. Die Prager Bevölkerung verfolgte das Kriegsgeschehen mit großem Interesse. Die Tschechen standen ganz auf der Seite ihrer "slawischen Brüder", die Deutschen waren anfangs auch gegen ihren alten osmanischen Gegner eingestellt. Als aber die Disziplin und die Tapferkeit der türkischen Streitkräfte bekannt wurde, wechselten die Sympathien der Prager Deutschen nach und nach zugunsten der Türken. Die Meinungen in Prag waren also bald geteilt. Uneins waren auch drei deutsche Prager Medizinstudenten, die im August 1877 in ein Wirtshaus im Nordwesten von Prag über der Scharka eingekehrt waren. Der Wirt war ein gewaltiger Riese mit einem roten Fes den er am Vortage einem Zechpreller abgenommen hatte. Der Fes löste das russisch-türkische Streitgespräch aus. Man ereiferte sich, verglich den Wirt mit dem ruhmvollen Osman Pascha und nach einigen Bieren wähnten sich alle am Schipkapaß. Tal und Höhen wurden zum "Balkan", der Wald zum "Balkanwald", das am Beginn des Ab­hanges gelegene Wirtshaus wurde auf­grund seiner paßähnlichen Lage der "Schipkapaß" genannt. Der Wirt er­hielt den Namen "Osman Pascha", seine Frau wurde zur"Sulaika", die Köchin zur "Zoraide". Zum "Personal" gehörten später auch der "Alpen­hirt", der "Hofkutscher" und insbesondere das unvergeßliche Faktotum der Prager Studentenschaft "Abraham".
Osman Pascha und Sulaika

In Prag hatte ein Deutscher namens Milde einen gutgehenden Handwerks­betrieb in der Spornergasse auf der Kleinseite (Prag II). Einer seiner beiden Söhne wurde Förster in der Leitmeritzer Gegend. Der andere, Moritz Milde, absolvierte die land­wirtschaftliche Akademie in Tetschen-Liebwerd und wurde Verwalter auf dem Gut des adeligen Dreyfurth bei Leitmeritz, Moritz Milde lernte Tochter Anna des beliebten Gastwirts aus Tribschl bei Leitmeritz kennen und heiratete sie schon bald. Auf dem Gut gefiel es Moritz Milde nach einiger Zeit nicht mehr. Sein Vater kaufte ihm einen Bauernhof am Anfang des Scharkatals bei Alt Dejwitz vor den Toren Prags. Prager Studenten aus der Leitmeritzer Gegend, die in der Ferialis Gäste im Wirtshaus von Annas Vater waren und das lustige Wirtstöchterlein gut kannten, kamen auf den Hof des öfteren zu Besuch und befreundeten sich mit Moritz Milde. Das bei den Besuchen nötige Bier holte man aus einem tschechischen Gasthaus unten im Tal. In der Korona reifte folglich der Gedanke, daß Moritz die Gasthauskonzession eingereicht. Studentische Gäste aus Prag wollte man mitbringen. Nach der Er­öffnung kamen die Gäste in Scharen, zumeist waren es Prager Burschenschafter. Mit der Zeit fanden sich hier alle Prager Korporationen ein. Sonntags kamen auch Familien. Mitunter waren auch Hochschulprofessoren zu Gast. Aus der Leitmeritzer Gegend stammten zahlreiche Prager Carolen, so daß zu vermuten ist, daß die ersten Besucher auf dem Hof Carolen waren. So nennt dann auch Dr. Siegl (Corps Frankonia Prag) in seiner Aufstellung "Prager Matrikel" den Prager Carolen Viktor Skalitzky, der das Bierdorf Schipkapaß am 9. April 1876 "entdeckte".

Feststeht, daß die Gaststätte im Jahre 1877, als auf dem Balkan der russisch-türkische Krieg geführt wurde, zum Schipkapaß wurde. Wie lange der Gasthaus zu diesem Zeitpunkt schon bestand, ist nicht bekannt. Es waren vermutlich nur wenige Jahre oder Monate. Aufgrund der Um­wandlung des Bauernhofes zum Hof mit Ausschank erscheint es unwahr­scheinlich, daß der Schipkapaß als Bierdorf im korporativen Sinne - wie zum Teil vermutet - eine weit über 1877 zurückreichende Tradition auf­weist. Osman Pascha war ein Hüne von Gestalt mit ungeheuren Schultern und einer Brust wie ein Amboß. Er hatte eine gute Erziehung genossen und konnte sich sehr gut benehmen, wie der Chronist der Prager B! Arminia, Dr. Robert Staus, berichtete. Er war als Wirt im Schipkapaß jedoch ein Polterer, der aber sehr gut zu leiden war. Seine Grobheit war gemacht. Er hatte einen bärbeißigen Humor, der bei den Studenten vor nichts zurückschreckte, und er duzte jedermann, während seine Gattin Anna alle Flamänder, auch die Stammgäste, mit "Sie" anredete. Anna Milde war in der Landwirtschaft und im Gastgeschäft als "Sulaika" die rechte Hand Osman Paschas.

Sie hatte einen begnadeten Humor, der sie nie verließ. Ihre Schlag­fertigkeit war immer treffend, oft derb, aber niemals verletzend. Die Beliebtheit der beiden garantierte ein volles Haus am Schipkapaß. Die Eheleute Milde hatten drei Kinder: einen Sohn, Moritz. Tochter Helene starb in jungen Jahren. Olga heiratete nach Österreich und hatte eine Tochter und einen Sohn. Mit der Tochter kam sie immer zur Sommer­frische zur Mutter. Diese Tochter heiratete den Prager Alben Pichl, der Professor am Aussiger Gymnasium wurde.
Der lange Marsch zum Schipkapaß

Der Weg zum Schipkapaß war für die Prager Studenten eine anstrengende Wanderung. Von der Altstadt aus ging es über die Karlsbrücke, dann den Burgberg hinauf. Den Hradschin verließ man an den der Moldau abgewandten Seite, in der Nähe der Hirschgasse, durch das Bruska Tor. Man wanderte bald auf einem sonnenheißen Feldweg. Eine lange Mauer an dem Weg von Dejwitz wurde beziehungsreich die"Chinesische Mauer" genannt. Am Weg lag auch der "Baikalsee", ein Dorfweiher, auf dem Gänsemist schwamm. Eine der zahlreichen Anekdoten zum Schipkapaß bezieht sich auf diesen Baikalsee. Walter Schotola (Prager B! Arminia) berichtet; "Es gereichte einem Studenten zu höchster Ehre, wenn er zu vorgerückter Stunde durch den Baikalsee schwamm. Nur wenige habe sich dazu durchgerungen. Zu meiner Zeit ist es nicht mehr vorgekommen. Im Gymnasium hatte ich einen Mathematikprofessor als Lehrer, den ich niemals lächeln sah und der mich all die Jahre quälte. Mein Vater (Arminia Prag 1896) kam einmal in das Gymnasium, um nach dem Rechten zu sehen. Er kannte den Mathematik­professor aus Prager Zeiten. Es scheint zu einem erregten Disput gekommen zu sein. Mein Vater konnte nicht mehr zurückhalten und sagte: ""Was sind Sie doch für ein verknöcherter Mensch, ich erinnere mich noch, wie Sie durch den Baikalsee geschwommen sind. "" ."



Das Restaurant Zlatnice 56 (Goldberg 56), unser Schipkapaß, lag am Anfang des Abhanges über der "Stillen Scharka", dem wegen seiner Naturschönheit berühmten Scharkatal (böhmische Schweiz). Im Frühjahr zur Zeit der Baum­blüte war der landwirtschaftliche Reiz der Gegend einzigartig.
Die "heiligen Hallen": Adlersaal und Spiegelsaal

Die Einrichtung am Schipkapaß ist mit der Beschreibung "einfach" schon übertrieben dargestellt. Die Wände waren lediglich geweißt und voller Aufschriften und Bilder. Der berühmte § 11("Es wird fortgesoffen") des Bierkomments fand sich überall. Die Stammgäste, die ein sehr freund­schaftliches Verhältnis zur Familie Milde hatten, saßen am Küchentisch. Tischtücher gab es nicht, die Tischplatten, wie auch die anderen Tisch­platten, waren übersät mit eingeschnitzten Namen und Zirkeln. Zu den treuesten Balkanbesuchern gehörte der Teutone Ing. Edmund Pruschek, der oft mit einigen Bundesbrüder bei Osman einfiel. Weiter Stammgäste waren fast immer alle Waffenstudenten; aber auch einige Offiziere waren darunter, wie auch der Prager Handwerksmeister Oswald, der eine Tapeziererwerkstatt hatte, ein altes, vielgeliebtes Mitglied des Volks­gesangsvereins. Die anderen Gäste saßen im Adlersaal, der sich an die Küche anschloß. Es war ein länglicher, nicht allzu großer Raum mit vier Tischen, zu dem Stufen führten. In diesem Raum, der großen Wirtsstube, prangte ein von Studenten gemalter schwarzer Adler an der Decke. Dieser Doppeladler drückte aus, daß es Osman erlaubt war, die Tabakwaren der öst. Tabakregie zu verkaufen.

Neben der Küche lag auch der Schankraum, zu dem eine Tür mit Glasscheibe führte, über der stand "Laboratorium". Gegenüber den Privaträumen gab es den Spiegelsaal, wo ein kleiner Taschenspiegel, dem auch noch eine Ecke fehlte, die große Wandfläche zierte. Die Wände im Ahnensaal waren mit alten vergilbten Familienbildern, Zirkeln und Schriftzügen geschmückt. Ein Bild zeigte einen "türkischen Honigmann", durch den Osman in gerader Linie von Sultan Soliman abstammte. Der daneben liegende Rittersaal ver­dankte seinen Namen einer bosnischen Handschar (ohne Klinge) und einem gemalten Ritter. Fußböden und Stiegen waren aus Ziegeln. Zum Mobilar gehörten Holztische, Gartenstühle, ein Klavier. Häufig wurde getanzt. Aber auch Strohballen sorgten für die ungezwungene, gemütliche Atmosphäre.

"Nur die in höhere Stufen alkoholischer Transzendenz Vorgedrungenen konnten die Zweckbestimmung der Räume und Einrichtungen erkennen. Nüchtern besehen war es ein wüstes Dorfwirtshaus." Dr. Franz Böhm, Prager B! Arminia.

Die Urwüchsigkeit machte den Schipkapaß beliebt. Eine Wiener Ministers­gattin, die mit ihrer Tochter an einem Arminenball teilgenommen hatte, war da, aber beim Exbummel am Schipkapaß eher indigniert. Auch die Abgeschiedenheit des Schipkapasses trug zu seiner Beliebtheit bei, denn ausgelassene Feiern - durstige Studentenkehlen klingen nicht wie Nachtigallzungen - war in Prag nicht immer möglich. Zwischen den deutschen Studenten der verschiedensten Verbände und unter­schiedlichsten Couleurs herrschte am Schipkapaß strenger Burgfriede, über dem Hauseingang war die Schrift "comment -.suspendu" angebracht. Kontra­hagen konnten aber doch nicht immer verhindert werden. Benno Simang (Teutonia Prag) erinnerte sich an eine Auseinandersetzung zwischen einem Teutonen und einem Landtägler in vorgerückter Stunde um eine Regen­schirm. Für eine Pistolen-Kontrahage hatten einst zwei Kontrahenten den Schipkapaß als Ort des Schußwechsels auserkoren. Die Angelegenheit wäre unblutig verlaufen, wenn nicht eine Kugel versehentlich eine Kuh ge­troffen hätte. Von den Tischen im Freien, auf der offenen Veranda des Schipkapasses, hatte man einen sehr schönen Ausblick in das Scharkatal. Ein kleines Häuschen weiter oben am Hang wurde Sternwarte genannt. Den Sonnenuntergang am Balkan hat Karl Hans Strobl in seinem Roman " Die Flamänder von Frag " (früher "Der Schipkapaß") beschrieben: "über den Höhen des Balkans spann sich ein Netz aus Goldfäden über einem roten Untergrund. Hinter den Lichtstrahlen war der Himmel wie Moire, leicht geflammt und gewellt, und das ganze Wunder blieb nicht einen Augenblick ruhig, und immer tiefer tauchte der Hintergrund in ein aus dem Bergrücken höher steigendes Rot, während die letzten Strahlen verkürzt und kraftlos in die Dämmerung des Tales fielen. Als die zuerst leichten und schwebend« Wolken ein schweres Violett annahmen, während sich der Hintergrund in Schwefelgelb wandelte, sagte Osman mit seiner rauhen Bierstimme: "Sonnen­untergang ex est.". Er sagte es, als ob er der Veranstalter dieses Schauspiels gewesen wäre."
Brauchtum am Schipkapaß

"Wo die Luft mehr Alkohol als Sauerstoff und Stickstoff hat, wo Osman Pascha umgeht und ein Geschrei erhebt, wenn er einen leeren Krug findet.“

Bereits in der Frühzeit des Schipkapasses hatten Studenten bei Balkan­käse und -wurst, Balkanschnaps und- zigarren die "Balkanische Bieruni­versität" gestiftet. Osman Pascha fungierte als "Rektor Magnifizent und Hunifizenz", dekoriert mit einer schweren Stierkette. Dekane und Pro­motoren waren ergraute Biersemester. Sie promovierten andere ver­diente Zecher zu "Oberflamänder", eine höchst seltene Ehrung nur für Auserlesene. Es entwickelte sich ein Studentenstaat, ein Bierstaat mit eigenen Gesetzen. Bloßer Flamänder konnte man werden, wenn man zwei Semester als Verkehrsgast im "Bierembryonenstadium" Osmans Schule er­folgreich absolviert hatte. Einer der höchsten Grade der Balkanischen Bieruniversität war der des Oberflamänders. Man mußte sechs Semester auf dem Schipkapaß verkehrt haben und in den letzten drei Semestern mindesten: je dreimal je drei Tage und drei Nächte nacheinander ausgehalten haben.

Eine noch höhere akademische Stufe war die des Veteranenflamänders. Eine akademische Würde für ganz alte verdiente Stammgäste. Zu ihnen zählten die Präger Teutonen Oswald und Pruschek. Das Wort Flamänder ist abgeleitet aus dem tschechischem "flamovat" und dem deutsch-tschechischen Jargon, wo Flamänder die Bedeutung Bummler hatte. Auch dürfe die Wortbildung eine Anspielung auf das französiche "flaneur" enthalten.

Das Lied der Flamänder war der "Litit", ein Zeremonie-Gesang, zu dem ein mit Balkan-Bier gefüllter Krug auf dem Tisch gehörte. Wer beim Karten­spiel den ersten König zog, trank als erster usw. Der Zecher, auf den der vierte König fiel, hatte den Krug zu leeren und den nächsten zu zahlen. Als Strafe konnte ein "Rebell" in "Acht und Bann" und in "Aberacht" getan werden: er bekam kein Bier mehr. Eine besonderes feierliche Zeremonie war die Beerdigung der Bierleichen, die nach feststehenem Ritual vollzogen wurde. Josef Gollitschek (Prager B! Arminia) erwies sich hier als wahrer Zeremonienmeister. Unschöne Bezechtheit gab es am Schipkapaß aber nicht. Nicht nur in den besonders feucht-fröhlichen Stunden wurde das Volkslied gepflegt. Die Gäste, die zu einem großen Teil aus dem Egerland, Böhmerwald, Riesengebirge stammten liebten ihre Heimat aus ganzem Herzen, waren sangesfrohe Menschen, und es gab viele guten Stimmen unter ihnen. Abends, wenn nur Stammgäste an­wesend waren, wurden oft "wilde Opern" gesungen. Man sang sich gegen­seitig an! Text und Melodien wurden aus dem Stegreif vorgetragen, und nach ein paar Minuten endeten die Vorführungen in schallendem Gelächter. Die Matrikel der Balkanischen Bieruniversität waren Osmans Tagebücher. Folgende Eintragung ist überliefert: Heute Mist gefahren auf die Generalka. Um 10 Uhr kamen die Flamänder, soffen tüchtig bis zum Abend und bezahlten pünktlich.

Auch die Gäste trugen sich in die Tagebücher ein, mitunter mit originell' Bemerkungen. Unzählige Studentenulke ereigneten sich am Schipkapaß. z.B. das Einfarbigstreichen gescheckter Kühe.
Abraham

In einem kleinwüchsigen Juden, Abraham genannt, fand Osman Pascha seine ersten Assistenen. Ein Exemplar von Abrahams Visitenkarte befindet sich im Archiv der Prager B! Armina zu Bochum. Die Visitenkarte hat den Wortlaut: Sigmund Pick (Abraham), Sachwalter der gesamten in­korporierten Studenten - und Finken­schaft, einer, 1. Assistent des Osman Pascha am Schipkapaß, dzt. Numismatiker, Korngasse 2 a Oben links trägt die Visitenkarte einen kleinen Stempel, eine Pumpe , die auf das Pumpen, Abrahams Geldverleih, hinweist. Abraham, der Parvenue machte Karriere vom "Kuhhirten bei Osman zum Financier. Über ihn, den schillerndste Figur im Prager Studentenleben berichtet Karl Hans Strobl in seinem Roman "Die Vaclavbude.": Abraham, der vielbeschäftigte der den bürgerlichen Namen Siegmund Pick hatte, saß um sieben Uhr abends immer im Deutschen Haus und erteilte Audienzen. Eine sogenannte Beschäftigung hatte er nicht, und doch war er den ganzen Tag beschäftigt. Abraham war des Faktotum der deutschen Studentenschaft. Abraham vermietete Zimmer in allen Preislagen. Er borgte Geld und vermittelte Prüfungstermine. Er verschaffte die Institution von Czyhlare. Er wusch Wichshosen und vermittelte Privat­stunden. Er besorgte Inskriptionen und Testuren und trug Uhren in das Versatzamt. Er brachte Wichsgegenstände auf, wenn einer Couleur etwas fehlte. Er wußte die Adressen sämtlicher Paukbader und kannte die Privatverhältnisse aller Prager Studenten. Er hatte seine Kundschaft unter den verbohrtesten Zionisten und unter den wütendsten Anti­semiten.

Abraham war schon von hundert empörten Vätern mit den grausigsten Todesarten bedroht worden und lebte noch immer. Abraham war überall und wußte alles, selbst die geheimsten Couleurgeheimnisse, und war un­entbehrlich. Aber die Hauptsache war doch seine Gewandtheit im Geld­auftreiben. Er hatte niemals mehr als ein paar Gulden bei sich. Aber wenn ein Vertrauenswürdiger erklärte, er brauche Geld, so bestellte ihn Abraham ruhig auf den nächsten Tag um elf Uhr auf den Graben. "Morgen um elf bin ich auf dem Graben!" das war die ständige Redewendung. Dann wußte man, daß man versorgt war."
Der erste Weltkrieg lichtete die Reihen von Abrahams Schuldner ganz erheblich. Abraham verarmte. Osman Pascha starb am 4. September 1910 in den Semesterferien. Er nahm ein tragisches Ende: erstickt an einem Hühnerknochen. Abraham verstarb im Jahr 1922. Dr. Paul Kisch von den roten Saxonen, Bruder von Egon Erwin Kisch hielt die Grabrede. Osman Pascha wurde auf dem Friedhof bei der St. Matthias Kirche, von wo man einen Blick auf Prag hat, den Osman so sehr geliebt hat, begraben. Auf dem Grabstein wurde eine Plakette mit seinem Bild und der Inschrift "Hier ruht Moritz Milde, Gastwirt und Realitätenbesitzer" angebracht. Ein Bild im Adlersaal des Schipkapasses zeigte Osman mit seinem Fes. Auf der Plakette am Grabstein mußte der Fes auf Verlangen des Pfarrers wegbleiben. Der Schipkapaß wurde von Sulaika und ihrem Sohn Moritz weitergeführt. 1913 beginn man ein großes Blumenfest zusammen mit der traditionellen Sonnwendfeier am Schipkapaß. Am Samstag, 27.6.1914 fand die Schlußkneipe der Prager B! Arminia statt und am 28. 6. eine Exkneipe. Dort verbreitete sich die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers. Als die Flamänder auseinandergingen war es von manchem Bundesbruder ein Abschied für immer. Nach dem Krieg ging der Schipkapaß durch Verkauf in tschechische Hände über. Trotzdem kamen noch häufig Studenten zu gemütlicher Runde zusammen. Der Gesang erschöpfte sich aber meist in dem "Am Schipkapaß geht's lustig zu". Die alte Studentenromantik war hinweggefegt. Sulaika lebte noch einige Jahre bei ihrer Tochter in Österreich, dann starb sie in einem Krankenhaus. In den dreißiger Jahre richteten sich immer häufiger tschechische Schmähschriften gegen den Schipkapaß. Zuweilen gerieten deutsche Studenten auf dem Hin- oder Heimweg in einen Hinterhalt.

1945 ist der Schipkapaß, nicht wie angenommen, von Tschechen abgebrannt worden. Ein Foto zeigt Franz Hawlitschek 1962 (früher Direktor des Prager Studentenwerks), vor dem Gebäude des ehemaligen Schipkapasses.
Die „Wiederentdeckung“ des Schipkapasses